Vor Ort: Kunst im Zeitalter ihrer musealer und medialer Halböffentlichkeit

Fußnoten zu „Incorporation“ von Alexander Steig

Das technisch äußerst flexibel einsetzbare Verhältnis der Live-Kamera zu ihrem Monitor oder Projektor macht die so entstehenden Wirklichkeitskonstruktionen zu einem besonders umworbenen künstlerischen Forschungsfeld. Die letzten fünfzehn Jahren brachten eine Vielzahl von publikumswirksamen, auf Anhieb angenommenen und ebenso schnell wieder verworfenen Virtual- und Augmented Realitiy-Kunstexperimenten, die sich dieser Technik bedienten. Als Kunstwerke scheiterten sie oft an ihrem Anspruch, möglichst einfalls- und ereignisreiche digitale Echtzeitverarbeitung des audiovisuellen Materials zu demonstrieren. Gemessen an der Realität der sich rasant entwickelten Medienlandschaft (der Computerspielindustrie insbesondere) konnte der Anspruch der groß angelegten Medieninstallationen der neunziger Jahre, an den ‚frontiers of inquiry’ zu gelangen und dort zu bleiben, auch nie erfüllt werden.

 

Die seit Mitte der neunziger Jahre entstehenden Videoinszenierungen von Alexander Steig sind im Vergleich eher als Lowtech-‚Mixed Realities’ zu bezeichnen. Als Wirklichkeitskonstruktionen und Schnittstellen der ‚Deplatzierung’ zeigen sie sich als Modelle einer meist ‚verkehrten Welt’, aber ihrem Selbstverständnis nach sind sie vor allem Orte medialer und musealer Halböffentlichkeit. Als solche sind die Installationen von Alexander Steig, typologisch gesehen, meist ortspezifische Anordnungen, die besonders zu den ‚nichtmusealen’ Ausstellungsumgebungen tendieren: Einkaufspassage, Kirchturm, Ministerium, Nervenklinikum, Dominikanerkloster oder Stadtfriedhof gehören zu den Orten, wohin es bislang den rastlosen und außerordentlich produktiven Künstler verschlagen hat. Die Grenzen zwischen Kunst und der ‚zitierten’ Außenwelt tendieren dort zu verwischen, wobei die Konvergenz mit der eigenen Lebenserfahrung eine Art Personifizierung der Lebenssituation entstehen lässt. Obwohl der Künstler zu den intimen, psychologischen, filmischen und literarischen Bezügen neigt und eher inhalts- sowie ortsbezogen arbeitet, entwirft er inhaltlich wie formaltechnisch ambivalente ‚Versuchsanordnungen’, deren Kohärenz zwischen den Installationsteilen eine relativ leichte Realisierbarkeit auch in anderen Räumen und Kontexten erlaubt. Obwohl der Kunsthintergrund scheinbar in den Hintergrund tritt, bleibt die Erwartungshaltung aus dem Kunstkontext dennoch im Fokus der Aufmerksamkeit. 

 

Auf diesem eigentümlichen Pfad zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, zwischen Erwartung und Erfüllung betritt Alexander Steig mit seiner „Incorporation“ im Künstlerhaus Marktoberdorf einen trotz arteigenen Sichtmauerwerk eindeutig ‚musealen’ Ausstellungsbereich. Der fensterlose, durch Aufzugstüren und Türenöffnungen durchbrochene ‚Room without a Wiew“ mit einem äußerst transitorischen, ‚ungemütlichen’ Charakter kehrt sich in der künstlerischen Intervention in seinen scheinbaren Gegensatz um: Kann aber eine ‚Sofalandschaft’ mit Beistelltisch und einen Schreibtisch mit Stuhl und Tischlampe das Un-heimliche des Ortes ‚heimlich’ machen, oder zumindest wirken lassen? Die Rauminstallation wird bildlich und medial ‚eingerahmt’ von zwei einander gegenüber positionierten Live-Videoprojektionen. Sie zeigen den angrenzenden und architektonisch eher ‚ausgelagerten’ und für den Besucher unzugänglichen Lager für Kunstgegenstände sowie einen Büroraum außerhalb des Künstlerhauses. Der einzige (möglicherweise trügerische?) Hinweis auf das Zeitvergehen in der Ereignislosigkeit des Videobildes liefert die eingeblendete Uhrzeit und das Datum der aktuellen Kameradisplays. 

 

In die medial nur ‚halbvermittelte’, weil ‚halbzugängliche’ Halböffentlichkeit des ‚Kunstkellers’ hinabgestiegen, betritt der Beschauer einen dieser (in seinen potentiellen Bedeutungen ebenso ‚halbschwebenden’) „Un-Orte“, wie sie der Künstler selbst nennt, einen dieser foucaultschen Orte der In-Diskretion, der ‚Mediatisierung’, der Ver-Mittlung, einen jener Zwischen-Orte, Halb-Orte, Noch-Nicht-Orte und zugleich Nicht-Mehr-Orte, die den Eindruck einer scheinbar paradoxen ‚alltäglichen Theatralik’ hinterlassen. Es handelt sich dabei um einen jener „Heterotopien“ oder nicht trivialen Raumarten, „die mit allen anderen in Verbindung stehen und dennoch allen anderen Platzierungen widersprechen“. [1]   Im Unterschied zu den Utopien (Platzierungen ohne wirklichen Ort) gehören die „Heterotopien“ zu den tatsächlich realisierten Utopien wie z.B. Kino, Nervenanstalt oder Freudenhaus. Dazwischen befinde sich Foucault zufolge „eine Art Misch- oder Mittelerfahrung“ [2] , der Spiegel, der als ein Zwitterartefakt oder „Ort ohne Ort“, den Alexander Steig in seiner „Incorporation“ zu einer Live ‚gespiegelter’ ‚Mixed Reality’ werden lässt. 

 

Margaret Morse beschrieb die Phänomene wie die Einkaufspassagen oder Schnellstrassen als „Virtualitäten“, als Orte der „Virtualisierung“ oder „Fiktionen der Präsenz“, also als tatsächliche Re-Präsentationen, deren Effekt des ‚Eintauchens’ in eine andere Welt meist durch die Kopräsenz zweier oder mehrerer, oft auch kontradiktorischer metapsychologischer Effekte erreicht wird.[3]  Alexander Steig spielt mit Orten des „verminderten Fiktionseffektes“, indem er unsere Parcours minimal justiert und zur willkommenen Verwechslung oder Täuschung ‚freigibt’: Die Erfahrenden sind zeitgleich Zeugen einer Live-Aktualität und einer konstruierten Potenzialität. Sie befinden sich mitten in einer ‚halbreflektierenden’ ‚Kunst-Falle’ (‚Künstlerfalle? Menschenfalle?), in einem eher trägen Verdauungsprozess der Kunst im Zeitalter ihrer medialen und musealen Halböffentlichkeit. 

Eine solche künstlerische Aufbereitung von Systemmodellen und Verhaltensmustern und -ansichten beinhaltet also in der Regel auch eine implizite ‚Systemwertung’, eine perspektivische Einstellung des Künstlers, unabhängig davon, auf welche Art der Wirklichkeitsinterpretationen sich man stütze. Der durch die Kunst ‚sakralisierte’ Raum wird in Steigs Interpretation nun mit profanen Inhalten ‚desakralisiert’ und zu einem neuen Leben erweckt. Oder? Wie lange, fragt man sich wohl zu recht, angesichts der eher skeptisch wirkenden, unpersönlichen und theatralen Intervention. Wird der ‚Nobelfriedhof’ der musealen Institution wirklich ‚aufgeweicht’ durch eine ‚weiche’ Sofalandschaft?

 

Der inszenatorische, bühnenhafte Charakter der „Incorporation“ von Alexander Steig trägt auch mit seiner zurückhaltenden Schwarzweißästhetik der Videobilder zu einer übergreifenden Ästhetik des Vergangenen und dennoch Provisorischen, Unfertigen.

Die künstlerische Methode der inszenierten psychologischen, physischen, temporalen, topologischen, ‚realen’ wie ‚medialen’ Unzugänglichkeit, wie sie in Steigs Installationen „Über den Grund des Vergnügens junger Mäuse an schrecklichen Gegenständen“ (1999) oder „Fernsehzimmer (doppelt)“ (2002) sowie „break“ (2002) (um nur einige zu nennen) werden in Marktoberdorf – halbzugänglich – ‚inkorporiert’, so dass der reale Raum als experimentelle Anordnung erscheint, während das 1:1-Model nicht unbedingt realer wirken müssen als beispielsweise stark verkleinertes Model eines Autokinos aus der Installation „One Spider Show“ (1999). Ein ‚dokumentarisches’ Medium wird als Medium der Außerkraftsetzung von Größen und Verhältnissen inszeniert, vor allem aber auch als Medium der Intervention, Personifizierung und Annäherung zugleich. [4] 

 

Alexander Steig löst in seiner ortspezifischen, aus dem künstlerisch-musealen Raum in die Stadtumgebung hineinwirkenden Auftragsarbeit nicht nur die durch das Ausstellungskonzept und den Ausstellungstitel („Von hier aus“) suggerierte Aufgabe; er löst darüber hinaus – souverän und elegant – den Widerspruch zwischen der Realität der Einschränkung und dem eigenem künstlerischen (Autonomie-)Anspruch – inmitten urbaner, musealer und medialer Halböffentlichkeit.

 

ANMERKUNGEN

 

[1] Michel Foucault, „Andere Räume“, in: KAT. Poetics/ Politics. Das Buch zur documenta X; Cantz Verlag, Ostfildern, 1997, S. 262–272, S. 265. (Urspr. aus: AISTHESIS. Wahrnehmungen heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1991; dt. Erstveröffentlichung; Idee, Prozeß, Ergebnis, Berlin, 1984; fr. 1966)
[2] Ebd., S. 266.
[3] Margaret Morse, “Virtualities. Television, Media Art, and Cyberculture”; in:  Press, Bloomington/Indianapolis, 1998, S. 99.
[4] Vgl. Mark Rosenthal, Understanding Installation Art. From Duchamp to Holzer, München / Berlin / New York 2003